Neues vom Steinzeit-Hund aus Oberkassel
Wie man aus Zähnen lesen kann

Im Februar 1914 fand man bei der Einebnung eines Hügels als Erweiterung des Zugangs und für Gleisanlagen der Loren im Steinbruch „Im Stingenberg“ ein Doppelgrab von einem Mann und einer Frau aus der späten Eiszeit mit Grabbeilagen und einem Hund.

Zum 100 jährigem Jubiläum des Steinzeitfundes von Oberkassel 2014 startete man 2008 das „Projekt Oberkassel“.
 

Mit einem internationalen Forscherteam von 30 Wissenschaftlern in einem Kooperationsprojekt des Rheinischen Landesmuseums (LVR) und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn untersuchte man den Fund nach den neuesten wissenschaftlichen Methoden.

Da viele der angestrebten Untersuchungen sehr aufwendig waren wurden einige der Untersuchungen erst später fertig gestellt.
 

Im April 2018 veröffentlichten Luc Janssens, Liane Giemsch, Ralf Schmitz, Martin Steet, Stefan Van Dongen und Philippe Crombe im Journal of Archaeological Science unter dem Titel „A new look at an old dog: Bonn-Oberkassel reconsidered“ die letzten Untersuchungen des Skeletts des Hundes aus dem Grab. Dabei hatten Sie Glück, das Luc Janssens nicht nur Archäologe an der Universität Leiden sondern auch Veterinär ist. Er erkannte, dass ein Mahl- oder auch Backenzahn (M1) von einem zweiten, kleineren und älteren Hund stammte. Dieser unterschied sich in Färbung und Größe von den Zähnen eines jüngeren Hund, von dem die restlichen Skelettteile stammten. Dieser Zahn war auch in der Kaufläche stärker abgenutzt. Somit lagen dem Grab von Oberkassel zwei bestattete Hunde bei.
 

Der jüngere Hund wies an den Zahnhälsen verschiedene „Riefen“ auf, die auf eine schwere Erkrankung durch Staupe (eine bösartige Virusinfektion bei Hunden vor allen im Welpen-Alter) in unterschiedlichen Schüben ab der 19., 21., und 23. Woche hinweisen. Da sich kurz vorher erst die bleibenden Zähne bilden und bei der Staupe sich auch eine Parodontose bildet, diese in verschiedenen Schüben ablief, bildeten sich an den Zahnhälsen diese „Riefen“. Somit starb der Hund mit Sicherheit an einer Staupe, auch wenn heute keine Gewebeproben mehr vorliegen, die dies eindeutig nachweisen können.
Diese ist bei einem so jungen Hund völlig unerwartet und ist dadurch zu erklären, dass der Virus Zahnkeime entwickelt, die zum Absterben von Zellen führen. Durch die Immunschwäche wird also das Abwehrsystem des Hundes geschwächt was dann letztendlich auch zu Schädigungen der Lymphknoten, Milz, des Thymus und Knochenmark führt. 

Oben - M1 Zahn des zweiten Hundes,
Unten - Ausschnitte des Unterkiefers des bekannten jüngeren Hundes, Pfeile zeigen „Riefen“ durch Staupe-Infektion
© Rheinisches Landesmuseum Bonn | LVR | Foto: Jürgen Vogel, Grafik: Martin Pütz, (modifiziert)
Repro überarbeitet: Robert Uhrmacher


Ein überspringen der Staupe auf den Menschen ist nicht möglich. Sie ist jedoch einer Masern-Infektion sehr ähnlich. Wird ein Hund gegen Masern geimpft, so ist er gegen Staupe immun.

Somit hat die Staupe keinerlei Einfluss auf den Tod der im Grab bestatteten Frau und des Mannes gehabt.

Der Hund starb in der 28. Woche, also im Alter von ca. 7 Monaten. Es ist davon auszugehen das er nicht aus Mitleid getötet wurde sondern auf natürliche Weise verstarb.

Die Staupe durchläuft drei Krankheitsphasen. Da sich die Staupe in Fieber bis 41 Grad, Husten, Appetitlosigkeit, Apathie, Atemnot, Durchfall, Lungenentzündung und Schädigungen des Nervensystems mit Muskelzuckungen äußert, sich hier im konkreten Fall aber auch ausgedehnte Defekte des Zahnschmelzes nachweisen ließen, muss der Hund über einen längeren Zeitraum gelitten haben. Da er unter normalen Umständen nicht so lange überlebt haben kann folgern die Wissenschaftler, dass er von „seinen“ Menschen behütet worden sein muss. Sie müssen Ihn gepflegt und gewaschen, Wasser und zu fressen gegeben haben. Da er in diesem Zustand für die Menschen nutzlos war zeugt dies von einer starken emotionalen Bindung zu „Ihrem Haustier“. Ohne Pflege wäre er mit Sicherheit früher verstorben.

Die letzten 14C Datierungen des Skeletts des Hundes zeigen ein Alter von 14.223 +- 58 Jahren. Dabei wurden 4 Radiokarbondaten an dem Eckzahn vorgenommen. Ihre Auswertung ergab ein Alter von 12900/12850 und ca. 11900/11850 cal. BC. Der Mittelwert liegt bei 12290 und 12050 cal. BC.

Der Hund von Oberkassel ist der älteste Nachweis für einen domestizierten Hund in einem Grab.

23 bisher nicht zugeordnete Knochenfragmente des Hundes konnten bestimmt werden. 13 von axialen Elementen wie Wirbel und Rippen und 9 von den Vordergliedmaßen. 25 waren nicht zuzuordnen. Anhand der Morphologie und Morphometrie und unter Hinzuziehung von Umrechnungsformeln berechnete man die Schulterhöhe des Hundes auf 0,45 m, einem Gewicht von ca. 15 kg und einem Alter unter 7 Monaten.

Der Hund spielte eine Rolle zur Bewachung von Wohnungen oder Siedlungen, alleine wegen großer Raubtiere wie Braunbären. Er war wegen seines guten Geruchssinns und Gehörs von Vorteil für die Jagd und zur Bewachung. Außerdem entsorgte er den Abfall wie Knochen. Seine Haltung erfolgte nicht dazu um später im Kochtopf zu landen oder um sein Fell als Pelze zu verarbeiten.

Andere Bestattungen mit Hunden finden sich im Nahen Osten und sind auf ein Alter von 11.600 Jahren datiert. In Skandinavien finden sich Nachweise zwischen 6.500 und 8.500 Jahren und in Illionois bei Koster Site vor ca. 8000 Jahren.

Nach heutigem Kenntnisstand waren die wahrscheinlichsten Hundevorläufer Europäer oder Asiaten. In den Wolfspopulationen wurde Ihre DNA-Linie nicht gefunden, somit ist dieser Vorfahre wahrscheinlich ausgestorben oder ist noch unentdeckt.

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