© Robert Uhrmacher, Bonn
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Der Oberkasseler Steinzeit-Mensch
(Chro-Magnong)

Neben der wirtschaftlichen bekam der Stingenberg, damals als Steinbruch im Besitz von Peter Uhrmacher, eine wissenschaftliche Bedeutung von außerordentlichem Range. Nicht wenige archäologische Funde wurden im Bereich von Oberkassel gemacht. Am bekanntesten ist der sog. Oberkasseler Mensch. Im Februar 1914 wurde in dem Steinbruch am Stingenberg ein Doppelgrab mit den Skeletten eines etwa 50 jährigen Mannes und einer 20-25jährigen Frau entdeckt, die von größeren flachen Basaltblöcken bedeckt gewesen waren. Die Leichname waren mit Rötel überpudert und hatten als Beigabe geschnitzte, figürlich verzierte Knochengeräte erhalten. Art und Beschaffenheit der Fundstelle ließen keinen Zweifel daran, dass es sich bei diesen Doppelgrab um eine Bestattung handelt.

Die Fundstelle im Steinbruch am Stingenberg 1914

Die Wissenschaftler, die sofort die besondere Bedeutung dieses Fundes erkannten, vermochten auf Grund eindringlicher anatomischer Untersuchung festzustellen, dass es sich um „eine bisher unbekannte und neue Form des diluvialen (eiszeitlichen Menschen)" handelte. Beide gehören der sog. Cromagnon-Rasse an (homo sapiens fossilis), die ein direkter Vorgänger der heutigen Europäer ist. Sie lebten etwa 11500 – 14000 Jahre v. Chr., am Ende der letzten Eiszeit. Und gehörte bereits zu einer führen Gruppe des Menschen heutiger Gattung, dem sog. Cromagnontypus. Die Menschen dieser Epoche ernährten sich noch immer von Jagd und Nahrungssammeln, doch scheinen sie schon länger an ihren Wohnplätzen gewesen zu sein.

Die Oberkasseler Zeitung schrieb dazu am 14.2.1914:

„Oberkassel, 14, Februar – Einen interessanten Fund machten vor einigen Tagen Arbeiter im Basaltsteinbruch des Herrn Peter Uhrmacher hier. Ungefähr 5-6m unter der Erdoberfläche fand man unter Schutt und Geröll 2 Skelette, die noch ziemlich gut erhalten waren. Nach der Schädelform zu schließen, handelt es sich um ein männliches und ein weibliches Skelett. Das Alter derselben könnte wohl nur von Spezialisten ermittelt werden. Wenn Vermutungen Raum gegeben werden darf, so wäre vielleicht die Annahme nicht von der Hand zu weisen, dass man es hier mit Bewohnern einer am Bergabhang gelegenen Hütte zu tun hat, die durch herabstürzendes Gestein den Tod fanden. Unter dem Schädel des weiblichen Skeletts fand man einen sehr gut erhaltenen etwa 20 cm langen Haarpfeil, der an einem Ende in die Form eines deutlich erkennbaren Pferdekopfes ausläuft. Sämtliche Steine, die um die Skelette lagerten, wiesen eine karminrote Färbung auf. Der Fund dürfte für die Forscher wohl von Interesse sein, und werden wir bei Kenntniserhalt Näheres darüber bringen."

Mit Hilfe der Beigaben konnten die Ur-Oberkasseler der Kultur des Magdalénien, der letzten Zivilisation des Eiszeitmenschen zugeordnet werden. Es ist die Zivilisation, die verbunden ist mit den berühmten Höhlenmalereinen in Frankreich und Spanien. Man kann annehmen, dass es bei diesen Menschen zu größeren Stammeinheiten gekommen ist. Vermutlich hatte eine Gruppe von ihnen hier einen Lagerplatz, bei dem man die Toten begrub.

Die gefundenen Grabbeigaben

Da die Skelette durch die Basaltsteine des Stingenberg’s gut geschützt wurden, gelten sie, wie das Grab, als die am besten erhaltenen und am genauesten untersuchten der Steinzeit, so dass der Fund vom Stingenberg nicht nur der bedeutendste im weiten Umkreis, sondern als „Oberkasseler Mensch" für die internationale anthropologische Forschung von großer Bedeutung ist. Schädel und Beigaben befinden sich heute im Rheinischen Landesmuseum Bonn.

Professor Verworn schrieb dazu in dem 1919 herausgegebenen Fundbericht:

„Mit Ungeduld folgten wir Herrn Uhrmacher nach der Arbeitshütte des großen Basaltsteinbruchs, wo uns in einer alten Sprengstoffkiste die Knochenfunde vorgelegt wurden. Wir sahen sogleich zwei wohlerhaltene Schädel, von denen nur der eine ein wenig durch einen Hackhieb beim Ausgraben verletzt war. Was uns an dem einen Schädel zunächst auffiel, war die außerordentlich starke Entwicklung der Muskelansatzstellen... Vor allem aber bemerkten wir, dass nicht bloß der Schädel, sondern auch ein großer Teil der übrigen Skelettknochen, die ungeordnet in der kleinen Kiste durcheinander lagen, mit einer teilweise ziemlich dicken Schicht von rotem Farbmaterial, wie es uns aus dem paläolithischen Fundstellen des Vézèretales etwas sehr Vertrautes war, bedeckt erschienen, und dass dieser offenbar aus Rötel bestehende Farbstoff zweifellos in der Erde die Skelette teilweise imprägniert hat, also jedenfalls gleichaltrig mit ihnen war. Indessen wagten wir noch immer kaum an ein paläolithisches Alter der Skelette zu glauben, bis wir die Fundstelle selbst besichtigt hatten. Bei strömendem Regen führte uns Herr Uhrmacher Jun. an die Stelle, wo die Skelette aufgedeckt worden waren.

An dem westlichen Rande des großen Basaltbruches war bei der Anlegung eines schmalen, auf die Schutthalde führenden Geleiseweges für die Förderwagen von den Arbeitern einige Tage vorher der eine Schädel mit einer Hacke im Basaltschutt angeschlagen und aus dem Boden geholt worden. Glücklicherweise hatten die Arbeiter sehr bald den alten erfahrenen Steinbruchaufseher benachrichtigt, der nun in vorsichtiger Weise arbeiten ließ, wobei der zweite Schädel und eine Anzahl anderer Skelettknochen zum Vorschein kamen. Auf Anordnung von Herrn Uhrmacher war denn an dieser stelle vorläufig nicht weiter gearbeitet worden und so fanden wir denn die Fundstelle noch in einem verhältnismäßig weniger veränderten Zustande.

Der Basaltbruch des Herrn Peter Uhrmacher befindet sich in der „Rabenlay" bei Oberkassel. Hier war am Westabhang nach der Rheinseite hin ursprünglich ein nackter Felsabsturz gewesen, den der Steinbruchbetrieb allmählich abgebaut hat. Nicht weit von der alten Stelle dieses früheren Steilabfalls lag die Fundstelle. Es liegt an dem nach der Rheinseite gekehrten Rande des Steinbruches noch heute in einer Mächtigkeit von mehreren Metern eine ausgedehnte Schicht von Gehängeschutt, bestehend aus übereinandergeschichteten größeren und kleineren Basaltstücken, deren Zwischenräume nur durch spärliche Massen von Lehm und Verwitterungsmaterial lose ausgefüllt sind. Diese Basaltschotterschicht ruht auf einer breiten Schicht von hellgrauem Sand der Hochterrasse des Rheintales.

An der Basis der Basaltschotterschicht hatten zwischen kleineren und größeren Basaltstücken und eingehüllt von einer spärlichen Lage durch Rötel intensiv rot gefärbten Lehms die Skelette gelegen. Nach der Angabe des Vorarbeiters waren die Skelette von größeren flachen Basaltblöcken bedeckt gewesen.

Als wir die Fundstelle besichtigten, fanden wir den Basaltschotter hier bis auf die Basis abgeräumt und nur nach der Rheinseite hin noch in geringer Höhe anstehend. Die Fläche war noch mit zahlreichen kleineren Basaltstücken bedeckt und im Umkreise von mehreren Quadratmetern durch Rötel gefärbt. Auch zahlreiche größere und kleinere Basaltstücke zeigten noch einen leichten lehmigen vom Rötel durchtränkten Überzug. Da auch noch einige kleinere Knochenstücke an der Fundstelle umherlagen, so beschlossen wir, in den nächsten Tagen bei günstigerem Wetter noch eine nachträgliche Grabung auszuführen. Außer den Herrn Prof. Steinmann und cand. Geol. Stehn sowie Dr. Dragendorf schloss sich noch der Direktor des Bonner Provinzial-Museums Herr Prof. Dr. Lehner unserer Exkursion an. Nachdem die geologischen Verhältnisse der Gegend durch Herrn Prof. Steinmann und Herrn Stehn untersucht worden waren, wurde eine kleinere orientierende Grabung an der Fundstelle ausgeführt, die den Zwecke verfolgte zu prüfen, ob etwa die Fundschicht noch eine weitere Ausdehnung in der Fläche und in der Tiefe besäße und ob in der Nachbarschaft vielleicht noch andere Funde zu erwarten wären. Es zeigte sich bald, dass die Fundstelle fast in ihrer ganzen Ausdehnung bereits aufgedeckt worden war und dass sie sich höchstens noch in der Richtung der Schotterwand etwas weiter erstrecken könnte.

In der Tat konnten wir sie hier noch auf etwa einen halben Meter in die Schotterhalde hinein verfolgen. Dabei wurden noch einige Fußwurzelknochen und Phalangen in situs gefunden. Dann aber hörte die Rötelschicht auf und von Knochenresten war nichts mehr zu entdecken. Auch in der Nachbarschaft, soweit sie einer Probegrabung zugänglich war, fand sich keine Andeutung weiterer Funde mehr, abgesehen von einigen verstreuten Knochenbruchstücken, die bei der ersten Bergung der Skelette verloren gegangen waren. Mein Augenmerk richtete sich daher besonders auf die Absuchung des Fundplatzes nach weiteren Kulturspuren. Die Hoffnung, Feuersteinwerkzeuge zu finden, wurde leider völlig getäuscht. Es hat sich auch bei mehrfachen späteren Besuchen der Fundstelle, bei denen namentlich Herr cand. Geol. Stehn sich große Mühe gab, irgend etwas Neues zu entdecken, nicht die geringste Spur von Feuersteinwerkzeugen oder auch nur von Bruchstücken solcher auffinden lassen.

Herr Uhrmacher hatte uns auf unseren Wunsch die Skelettreste zur näheren Untersuchung überlassen und wir transportierten dieselben in der Kiste, in welcher sie bis dahin in der Arbeitshütte des Steinbruchs gestanden hatten, nach Bonn in das Anatomische Institut der Universität."

Zu den von Professor Heiderich untersuchten kleineren Knochenbruchstücken, die nicht zu den Skeletten gehörten, schrieb Prof. Verworn:

„Als er mir diese Bruchstücke noch an demselben Abend brachte, konnten wir mit freudiger Überraschung feststellen, dass dieselben zusammengehörten und von einem flachen, plastisch geschnitzten Tierkopf stammten, wie solche mehrfach von südfranzösischen Fundorten bekannt geworden sind. Die Bruchstellen der Stücke waren noch frisch und scharf, so dass kein Zweifel darüber bestand, dass die Schnitzereien erst bei der Auffindung der Skelette von den Arbeitern unerkannt zerbrochen worden war. Anderseits ging aber aus der Tatsache, dass die Arbeiter diese Knochenbruchstücke gleichzeitig mit den Skelettknochen dem Boden entnommen hatten ebenso wie aus dem Rötelüberzug derselben zweifelsfrei hervor, dass die Tierkopfschnitzerei eine Beigabe der Skelette vorstellte, ebenso wie auch der „Haarpfeil" als Beigabe der Skelette aufgefunden worden war. Leider fehlte zur vollständigen Zusammensetzung der Tierkopfschnitzerei ein größeres Bruchstück, das bereits bei der Entnahme der Knochenreste aus dem Boden verloren gegangen sein muss und auch bei dem nachträglichen Absuchen der Fundstelle nicht mehr aufzufinden war.

Schließlich fanden sich unter den menschlichen Skelettresten auch noch einige Bruchstücke von Säugetierknochen, die aber keinerlei Bearbeitungsspuren zeigten."

Am 24. Juni 1914 berichtete der Bonner General-Anzeiger über die vorläufigen Untersuchungen in der Bonner Anthropologischen Gesellschaft:

„Anthropologische Gesellschaft. In der gestrigen Sitzung berichteten die Herren Geheimräte Verworn, Bonnet und Steinmann über die Skelettfunde, welche im Februar dieses Jahres in dem Basaltsteinbruch des Herrn Peter Uhrmacher in Oberkassel gemacht worden sind. Beim Anlegen eines Weges wurden von Arbeitern zwei vollständige Skelette sowie einige dazugehörige Beigaben aufgefunden. Letztere bestehen aus einem etwa 20 Zentimeter langen Glättinstrument aus Knochen mit zierlichem Tierkopf, einem aus einem flachen Knochenstück gearbeiteten Pferdekopf und zwei bearbeiteten Knochenstücken ohne Verzierungen. Die Skelette samt den Beigaben waren eingeschlossen in eine umfangreiche Schicht von lehmiger Erde, die durch Rötel künstlich rot gefärbt war, und waren nach Angaben der Arbeiter von dicken Basaltplatten bedeckt. Feuersteininstrumente oder Reste eines Lagerfeuers sind nicht gefunden worden. Aus allen diesen Umständen geht hervor, dass es sich nicht um einen Lagerplatz, sondern um eine Begräbnisstätte handelt. Nach den Beigaben lässt sich der Fund einwandfrei in die Kulturstufe des Magdalénien einreihen.

Die Untersuchung der Skelette ergab, dass es sich um ein älteres männliches und um ein jüngeres weibliches Individuum handelt mit weitgehenden Ähnlichkeiten, aber auch deutlichen Verschiedenheiten. Beide erweisen sich, wie unter Beziehung auf die aus dem Diluvium bisher bekannten Menschenrassen ausgeführt wurde, als Rassenkreuzung. Während der Mann durch einen Überaugenhöhlen- und Stirnwulst Anklänge an die Neandertalrasse und im übrigen an die Cro-Magnonrasse und an den Schädel von Chancelade aufweist, zeigt die Frau durch ihren Scheitelkiel zu diesem letzten Schädel besondere Beziehungen, lässt viele auffallende Merkmale des Mannes gemildert erkennen und erinnert außerdem in ihrem Gesichtsschädel besonders an den Schädel des Mannes von Combe-Chapelle.

Die geologischen Verhältnisse der Fundstelle wurden von Herrn Geheimrat Steinmann unter Mitwirkung des Herrn cand. Geol. E. Stehn untersucht. Vor Anlage des heutigen Steinbruchs „im Stingenberg" bildete die Rabenlay an Ihrem Vorsprung, dem sogenannten Kuckstein, einen Steilabsturz, der durch den Steinbruchbetrieb fast ganz beseitigt ist. Am Fuße dieses früheren Steinabsturzes befindet sich die Fundstelle in einer Meereshöhe von 99 Meter ü. M. Durch die Weganlage wurde unter ca. 0,5 Meter Abraum des Steinbruches etwa 6 Meter ungestörter Gehängeschutt aus mehr oder minder verwitterten Blöcken und Brocken von Basalt aufgeschlossen. Lößmaterial fehlt darin und darüber durchaus. An der Basis dieser Gehängeschuttlager fanden sich die Skelette und Beigaben sowie ein Eckzahn vom Rentier und ein Bovidenzahn in einer rötlichen Kulturschicht auf und in sandigem Lehm. Darunter folgen noch bis 4 Meter mächtiger gelbgrauer Rheinsand. Die Unterlage ist anstehender Basalt.

Der Schädel der Frau (oben li.) und des Mannes (unten li.)
Rechts nach Rekonstruktion des Zahnschemas

In der Fortsetzung der rotgefärbten Kulturschicht gegen die Basaltwand zu wurden ferner gefunden: ein rechter Unterkiefer vom Wolf, ein Zahn vom Höhlenbären und Knochen vom Reh, sowie Holzkohle, die einige Knochen anhaftete. Für die Altersbestimmung sind außer den paläontologischen Funden, die bestimmt auf ein diluviales Alter hinweisen, folgende Tatsachen von Wichtigkeit: Das Fehlen von Löß auf und in dem Gehängeschutt beweist, dass die Kulturschicht jünger ist als Löß. Damit ist ein höheres Alter als Solutrèen oder Magdalénien ausgeschlossen, da die Älteren Kulturen in die Lößzeit fallen. Es kann sich also nur um eine nachläßliche Kultur handeln, um Solutrèen oder Magdalénien. Da Solutrèen bis jetzt am Niederrhein noch nicht bekannt geworden, Magdalénien dagegen mehrfach vorhanden ist, so spricht die Wahrscheinlichkeit für Magdalénien. Die bedeutende Mächtigkeit des Gehängeschuttes, der die Kulturschicht bedeckt, lässt sich daher deuten, dass auf die Bildung der Kulturschicht noch ein beträchtlicher Teil der letzten Eiszeit folgte, während dessen der Gehängeschutt entstand."

Max Verworn veröffentlichte 1919 zum 100-jährigem Bestehen der Rheinischen Gesellschaft für wissenschaftliche Forschung der Universität Bonn in einer Publikation:

„Kulturfunde aus paläolithischer Zeit gehören in Deutschland zu den Seltenheiten. Ganz besonders selten aber sind menschliche Skelettfunde aus paläolithischen Kulturstufen. Außer den bekannten Skelettresten vom Neandertal bei Düsseldorf, dem Unterkiefer nebst unbedeutenden Schädelbruchstücken von Ehringsdorf bei Weimar besitzen wir bis jetzt aus Deutschland nur noch einige wenige Knochenfragmente und Zähne von paläolithischen Menschen. Die 33 Schädel der Ofnethöhle bei Nördlingen gehören bereits dem Mesolithikum an.

Skelett der Frau (li.) und des Mannes (re.)

Unter diesen Umständen dürfte es gerechtfertigt sein, wenn wir dem Funde, der im Beginn des Jahres 1914 in Oberkassel bei Bonn auf der rechten Rheinseite gemacht wurde, eine eingehendere Behandlung zuteil werden lassen, den derselbe lieferte uns nicht nur zwei fast vollständig erhaltene Skelette des diluvialen Menschen, sondern auch einige sehr wertvolle Beigaben, welche die Kulturstufe, der die Skelettreste angehören, unzweideutig bestimmen. Zudem sind die geologischen Altersverhältnisse der intakten Fundschicht vollkommen klar. Funde unter derartig günstigen Umständen sind selbst in den an paläolithischen Fundorten so reichen Gebieten Südfrankreichs verhältnismäßig selten."

Professor Bonnet beschreibt in der Zeitschrift „Die Naturwissenschaften" die erste Auswertung des Fundes:

„Außer den überraschend gut erhaltenen Schädeln nebst Unterkiefern eines männlichen und eines weiblichen Skelettes waren fast alle wichtigen Knochen entweder ganz oder bruchstückweise geborgen worden. Es fehlten nur die Hand- und Fußwurzelknochen, ein Oberschenkelbein, einige Finger und Zehen, sowie die Brustbeine. Wir besitzen einstweilen in Deutschland, abgesehen von dem nach seinem geologischen Alter nicht bestimmbaren und in seinen Knochen leider sehr unvollständigen Neandertalskelett und dem hochwichtigen Unterkiefer von Mauer bei Heidelberg an diluvialen Menschenresten nur einige mehr oder minder defekte Unterkiefer, einige Zähne und vereinzelt nahezu wertlose Knochenstücke. ... Der Fund von Oberkassel stellt sich durch seinen Erhaltungszustand, durch die Sicherheit der Bestimmung seines geologischen und archäologischen Alters, durch seine Vollständigkeit und dadurch, dass er aus einem männlichen und weiblichen Skelett besteht, den besten diluvialen Funden an die Seite. Er ist außerdem der erste Fund nahezu vollständiger Skelette aus dem Quartär und speziell aus dem Magdalénien in Deutschland. ...

Ich beschränke mich einstweilen nur auf die wichtigsten Angaben über die Schädel. Der eine Schädel von einer etwa 20-jährigen Frau war in den sehr einfachen Nähten gelöst in seine einzelnen Knochen zerfallen, konnte aber, abgesehen von Teilen beider Schläfenschuppen, den Nasenbeinen und einigen Defekten an der Schädelbasis vorzüglich zusammengesetzt werden.

Der langköpfige, in Scheitelansicht durch Einziehung der flachen Schläfen leicht gitarrenförmige Hirnschädel hat einen Längen-Breitenindex von 70, eine größte Länge von 184, eine größte Breite von 129 sowie eine größte Höhe von 135 mm (vom vorderen Rande des Hinterhauptlochs zum Scheitelpunkt gemessen). Sein Horizontalumfang beträgt 512 mm. In Seitenansicht verläuft die Contur des Hirnschädels über die gut gewölbte steile Stirn bis zum Hinterhauptloch in schönem Bogen. Das Gesicht zeigt in Vorderansicht einen kräftig entwickelten Kieferapparat. Die mäßig breite Stirn wird durch eine Stirnnaht geteilt, eine bei den diluvialen Langschädeln sehr große Seltenheit. Die Überaugenhöcker sind für eine Frau gut entwickelt, die viereckigen Augenhöhlen verhältnismäßig groß. Die Nasenöffnung ist von mäßiger Größe, der Gaumen ist tief gewölbt, ein sehr kräftiger Unterkiefer mit deutlichem Kinn vervollständigt die steile Profillinie. Das Gebiß war während des Lebens bis auf den dritten, rechten, oberen Mahlzahn vollständig. Die drei letzten Mahlzähne sind weniger abgekaut als das übrige Gebiß, also noch nicht allzu lange durchgebrochen... Die übrigen Skelettknochen deuten auf einen zierlichen Körper von etwa 155 cm Länge.

Im Gegensatz zu diesem Schädel zeigt der brutale Gesichtsschädel des Mannes durch seine breite und Niedrigkeit ein großes Missverhältnis zu der mäßig breiten und etwas geneigten Stirn und dem gut gewölbten Hirnschädel. Eine leichte, schon während des Lebens vorhandene Verbiegung des Oberkiefers nach rechts und das mangelhafte Gebiß machen die Physiognomie noch abstoßender und lassen den Schädel greisenhafter erscheinen als er tatsächlich ist. Da nur die Pfeilnaht und das an sie angrenzende stück der Lambdanaht verknöchert sind, darf man auf ein Alter von 40 bis 50 Jahren schließen. Auch dieser, in Seitenansicht schön ovale, Schädel ist mit einer Längen-Breitenindex von 74 mm langköpfig. Seine größte Länge beträgt 193, die größte Breite 144, die größte Höhe 138, der Horizontalumfang 538 mm. Die Kapazität wurde auf ca. 1500 cm3 bestimmt. Die Obergesichtsbreite ist, abgesehen von dem breiten Oberkiefer, durch ein ungewöhnlich großes und breites Jochbein eine sehr beträchtliche (153m mm). Die niedrigen rechteckigen Augenhöhlen sind stark nach außen und unten geneigt, über ihnen fällt ein einheitlicher etwa 8 mm breiter Oberaugenwulst auf. Ein niedriger mittlerer Stirnwulst zieht sich verbreiternd und verflachend bis zum Scheitelpunkt. Die Nasenöffnung ist im Verhältnis zur Gesichtsbreite schmal, der Gaumen, abgesehen von der teilweisen Rückbildung des Zahnfachfortsatzes im Verhältnis zum übrigen Kiefergerüst auffallend klein. ...

Im Oberkiefer waren während des Lebens nur noch die beiden letzten stark nach auswärts gerichteten Mahlzähne beiderseits und der linke Eckzahn vorhanden. Im Unterkiefer sind während des Lebens 2 Schneidezähne, nachträglich noch ein Schneide- und ein Eckzahn ausgefallen. Sämtliche Zahnkronen sind, wie man das vielfach auch an Gebissen noch nicht seniler Schädel aus dem Quartär findet, bis auf schmale Reste des Emails abgekaut. Das freiliegende Dentin ist schwarz wie Ebenholz. ...

Die starke Entwicklung sämtlicher Muskelfortsätze am Schädel und an den Extremitätenknochen zeugt von ungewöhnlicher Körperkraft des etwa 160 cm großen Mannes.

Der sehr auffallende Gegensatz zwischen beiden Schädeln wird gemildert und verständlicher durch die Tatsache, dass die derbe Modellierung beim Manne an dem zarteren und kleineren weiblichen Schädelhöhlen verhältnismäßig größer sind. Beide Oberkasseler Schädel zeigen eine auffallende Gesichtsbreite, beide zeigen ziemlich steile Gesichter mit eingezogener Nasenwurzel, beide eine gute Profilrundung des Hirnschädels, beide lassen, wenn auch der Mann in viel geringerem Grade, den Scheitelkiel erkennen. Der bei der Frau nur angedeutete Stirnwulst erinnert beim Mann zusammen mit dem Überaugenwulst an den Neandertaler. Das breite niedere Gesicht des Mannes mit den niederen rechteckigen Augenhöhlen, der schmalen Nase und dem v-förmigen Unterkiefer mit seinem ausgesprochenen Kinndreieck sind dagegen bekannte Merkmale der Chromagnon-Rasse. Von dieser unterscheidet er sich aber ebenso wie die Frau durch die Lage der größten Schädelbreite. Diese liegt bei der Cro-Magnons im Bereich ihrer seitlich weit ausladenden Schädelhöcker, bei den Oberkasseler Schädeln dagegen im Bereiche der Schläfenschuppen über dem Warzenfortsatze, also wesentlich tiefer und an einem ganz anderen Knochen. Diese Lage der größten Breite und namentlich der bei der Frau gut modellierte Schädelkiel nähern die Schädel dem ebenfalls einer Magdalénienschicht entstammenden Schädel von Chancelade in der Dordogne.

Rekonstruktion des Gesichtes der Frau und des Mannes nach M. M. Gerassimow

... Die Oberkasseler Schädel weisen also neben unverkennbaren, durch den Geschlechtsdimorphismus etwas verdeckten, Ähnlichkeiten auch nicht unbeträchtliche Abweichungen voneinander auf. Während der Mann Rassezeichen der Neandertaler, der Cro-Magnongs und Anklänge an den Schädeln von Chancelade zeigt, die auch an dem Hirnschädel der Frau auffallen, treten bei dieser die Cro-Magnon-Merkmale etwas zurück. ... In beiden Schädeln kommen die sehr bemerkenswerten folgen während des Diluviums stattgefundener Kreuzungen zum Ausdruck."

Die bei den Skeletten gefundenen geschnitzten Gegenstände wurden von Professor Verworn vor der Bonner Anthropologischen Gesellschaft wie folgt beschrieben:

„Die Knochengeräte liefern den wichtigsten Anhaltspunkt für die Feststellung der Kulturstufe und der Zeitstellung des Fundes. Sie gestatten glücklicherweise mit größter Schärfe und Genauigkeit die Zuweisung derselben in das untere Magdalénien.

Der "Haarpfeil", welcher nach Angaben der Arbeiter unter dem Kopf des einen Skeletts lag, ist ein aus harten Knochen geschnitztes, ca. 20 cm langes, im Querschnitt rechteckiges, sehr fein poliertes Glättinstrument, von großer Schönheit der Arbeit und vorzüglicher Erhaltung. An seinem Griffende ist ein kleiner Tierkopf ausgearbeitet, welcher Ähnlichkeit mit einem Nagetierkopf oder einem Marderkopf hat. Das andere Ende ist stumpf. Auf den Schmalseiten zeigt das Instrument eine für die Rentierzeit sehr charakteristische Kerbschnittverzierung. Die zweite Knochenschnitzerei ist eine jener kleinen brettartig schmalen, auf beiden Seiten gravierten Pferdeköpfe, wie sie von Girod und Massenad in Laugerie Basse und von Piette in den Pyrenäen in größerer Zahl und mannigfachen Variationen gefunden wurden und ein charakteristisches Leitfossil, der unteren Magdalénienschichten vorstellen.

Das Oberkasseler Exemplar, das sich in einzelnen Bruchstücken erst bei der Durchsicht der Menschenknochen fand, ist leider bei dem Ausgraben der Skelette zerbrochen worden und nicht mehr ganz vollständig. Außerdem sind noch zwei weniger charakteristische Knochenstücke, welche Bearbeitung erkennen lassen, gefunden worden.

Nach allen Feststellungen kann kein Zweifel sein, dass es sich bei dem Funde um einen Begräbnis- und nicht um einen Lagerplatz handelt. Vermutlich haben die diluvialen Jäger in der nähe, wahrscheinlich im Schutze der Basaltwand, ihren Lagerplatz gehabt und die Toten mit Ihren Beigaben in nicht allzu großer Entfernung davon beigesetzt, indem sie dieselben nach dem üblichen Ritus mit reichlichen Mengen roter Farbe umgaben und mit großen Steinen sorgfältig überdeckten."

1979 brachten neue Untersuchungen von Professor Nobis die im Steinbruch „im Stingenberg" in der Rabenlay an ihrem Vorsprung, genannt Kuckstein, bezüglich des Unterkiefers eines Wolfes bei dem Oberkasseler Doppelgrab eine sensationelle Entdeckung. Dieser Unterkiefer stammt nicht, wie vorher vermutet, von einem Wolf, sondern von dem wahrscheinlich ältesten nachweislichen Haustier der Menschheit in der Größe eines kleineren Schäferhundes. Professor Nobis stieß im Rahmen einer Semesterarbeit für das Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln bei einer Begutachtung dieser Knochen auf diese Erkenntnis. Dazu schrieb er:

„Größenmäßig kann der jungpaläolithische Haushund von Oberkassel, der vor ungefähr 14000 Jahren den Menschen der Cromagnon-Rasse den auf seinen Jagdzügen begleitete, mit einem kleineren Schäferhund verglichen werden.

Der Haushund von Oberkassel, der vor ungefähr 14000 Jahren lebte, ist somit das älteste bisher bekannte Haustier des Menschen. ... Das fast zeitgleiche Auftreten erster Haushunde in Zentraleuropa (gemeint ist der Fundort „im Stingenberg"), im Vorderen Orient, in Fernost und in Nordamerika lässt an eine Domestikation autochthoner Wolfspopulationen und somit an mehrere, voneinander unabhängige Zentren der Haustierwerdung denken. Dieser Vorgang lässt aber auch vermuten, dass der Auslöser hierzu im jüngeren Paläolithium beim Erreichen einer bestimmten Kulturhöhe stattgefunden hat, d.h. er steht in einer engen Beziehung zur geistigen Entfaltung des Menschen im Eiszeitalter."

Unterkiefer des Hundes und somit des ältesten bekannten Haustieres

Und der Fund in Oberkassel fasste noch eine für Experten erstaunliche Erkenntnis, die H. Müller-Karpe in seinem Handbuch der Vorgeschichte anmerkte:

„Es mag vermerkt werden, dass das Skelett der Frau keine gewaltsamen Verletzungen aufweist, wie sie bei etlichen nachpaläolithischen Doppelbestattungen festzustellen sind und auf den Brauch der Witwenmitbestattung hinweisen."

In der Straße Am Kriegersgraben in Oberkassel wurde auf dem Platz ein Brunnen des Bildhauers Viktor Eichler aufgestellt. Über einer schweren Schale hockt der sog. Oberkasseler Mensch auf einem erlegten Bären.

Der Brunnen mit dem Oberkasseler Mensch

Anlässlich der 2000-Jahr-Feier der Stadt Bonn 1989 und zeitgleich mit dem 75. Jubiläumsjahr des Oberkasseler Steinzeitmenschen stiftete der Heimatverein Bonn-Oberkassel eine Gedenktafel mit Unterstützung der Stadt Bonn. Diese wurde an der Fundstelle „im Stingenberg" errichtet.

Die Gedenktafel „Am Stingenberg"

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