Der Stein meines Großvaters
(Von Karl Schumacher)

Seit meiner frühesten Jugend habe ich eine besondere Beziehung zu Steinen, zu Steinen jedweder Art und Form. Ich mag die aus großen Feldsteinen zusammengefügte Trockenmauer ebenso wie die feinen Mauerwerke unserer alten Kirchen und Burgen. Und unvergessen ist das Glücksgefühl, das ich als Kind empfand, als ich für wenige Augenblicke beim Uhrmacher unseres Dorfes einen rotfunkelnden Rubin in der Hand halten durfte. Ich glaube fest daran, dass meine Liebe zu Steinen genetisch mitgeprägt wurde. Viele Generationen meiner männlichen Vorfahren haben als Steinhauer in Steinbrüchen oder als Steinmetze gearbeitet.

Auch mein Großvater, Engelbert Nolden aus Oberdollendorf, hatte als Steinbrecher viele Jahre im Steinbruch „Am Stingenberg" in Bonn-Oberkassel gearbeitet. Er wusste seine Erlebnisse aus dieser Zeit sehr spannend zu erzählen. Und wenn immer meine Eltern es zuließen, ging ich zu ihm um seine Geschichten, die fast ausschließlich von seiner Arbeit im Steinbruch handelten, zu lauschen. Er hatte stets in einem kleinen unscheinbaren ledernen Brustbeutel, den er an einer Schnur um den Hals trug, einen Basaltstein von der Größe einer kleinen Walnuss bei sich. Von diesem Stein trennte er sich nie. Ohne ihn ging er nicht aus dem Haus und ohne ihn ging er auch nicht zu Bett. Der Stein, sagte er einmal, habe ihm in einer schlimmen Notlage das Leben gerettet. Und dann, einige Zeit später, erzählte er die ganze Geschichte dieses Steines:

Großvater arbeitete eines Tages mit einer Gruppe anderer Arbeiter in der Felswand des Basalteinbruchs „Am Stingenberg". Besitzer dieses Steinbruchs waren die Brüder Peter und Jean Uhrmacher. Die Arbeitsstelle befand sich in etwa 25 m Höhe. Wie üblich waren die Männer durch um die Taille geschlungenen Seile, welche weiter oben an einem quergespannten Seil befestigt waren, einigermaßen gegen Abstürzen gesichert. Ausgerüstet waren sie je mit einer sogenannten Brechstange. Mit dieser Brechstange wurden die senkrecht stehenden Basaltsäulen aus dem Felsverbund herausgebrochen. Die losgebrochenen Säulenstücke stürzten in die Tiefe und wurden unten später abtransportiert und ihrem Verwendungszweck zugeführt. Das Brechen der Steine war eine überaus anstrengende und gefährliche Arbeit, weil die Arbeiter gezwungenermaßen nicht immer in gleicher Höhenlage, sonder häufig auch übereinander den Bruch des Gesteins vornehmen mussten. Zwar war vereinbart, dass von dem Steinsturz durch laute Warnrufe die tiefer arbeitenden Männer gewarnt werden sollten. Doch in der Praxis brach oft ein Stein unvermittelt aus der Wand und stürzte in die Tiefe. Wehe dem unglücklichen Kollegen, der dann unterhalb im Fels hing und getroffen wurde.

Bei dieser Art des Steinbrechens hat es viele Unglücksfälle gegeben. Arbeitsschutz-bestimmungen gab es zu dieser Zeit noch nicht.

Jedenfalls arbeitete mein Großvater diesmal in einer etwas unterhalb liegenden Brechposition, als sich plötzlich über ihm ein Stein löste und auf ihn zustürzte. Der an dieser Stelle arbeitende Kollege schrie verzweifelt „Engels pass op" (Engels ist die Mundartform von Engelbert), doch ein Ausweichen war nicht möglich, weil die schmale Kante auf der er stehen musste, ihn an dieser Stelle zwang, zudem blieb wegen der kurzen Distanz über ihm ohnehin keine Möglichkeit, etwas anderes zu tun, als sich an die Felswand zu pressen. Er sah noch, wie eine Steinsäule auf ihn zustürzte, diese aber dicht über ihm auf die Kante eines noch im Felsen stehenden Felsstücks aufprallte und sich überschlagend in die Tiefe schoss.

Großvater stemmte sich mit dem Rücken an die Felswand und war wie benommen. Die Arbeitsstelle um ihn herum, kurz vorher noch erfüllt vom Klingen der stählernen Brechwerkzeuge, war auf einmal totenstill. Als er langsam nach oben schaute, sah er, dass die Kollegen über ihm angstvoll zu ihm heruntersahen. Als sie erkannten, dass ihm offenbar nichts schlimmes geschehen war, schrien sie laut auf und winkten ihm zu. Und einer rief: „Engel, du häst höck dinge zweite Jebortsdag".

Für weitere Sentimentalitäten wurde keine Zeit verloren und nach wenigen Minuten bestimmte der gewohnte Arbeitslärm in der Felswand, das Klirren der Brechstangen und das Klingen der Hämmer, das weitere Geschehen, denn die wöchentliche Entlohnung richtete sich nach der Menge der gebrochenen Steine.

Großvater verharrte noch eine Weile still auf seinem schmalen Felsgrat. Dann hatte er plötzlich das Gefühl, als würde ein scharfkantiger Fremdkörper auf seiner Brust drücken. Als er in seinem offenen Hemdausschnitt tastete, fühlte er zwischen den Fingern einen etwa nussgroßen Steinsplitter. Nach kurzer Überlegung wurde ihm bewusst, dass der abstürzende Steinbrocken beim Aufprall auf die vorspringende, lebensrettende Steinkante über seinem Kopf die Splitter abgesprengt und in sein offenes Hemd geschleudert hatte. Er wickelte den Stein vorsichtig wie eine Kostbarkeit in sein Taschentuch und steckte es in die Hosentasche. Noch am Abend des selben Tages erhielt der Stein den Ehrenplatz in dem vorhin angesprochenen Lederbeutel , den er fortan ständig bei sich trug.

Der glückliche Ausgang des Vorfalls in der Felswand war auch von einem Aufseher beobachtet worden. Der ließ Großvater am nächsten Tag zu sich kommen und unterhielt sich mit ihm über persönliche Dinge und frage nach den familiären Verhältnissen und nach seinen Kindern. Das war sehr ungewöhnlich, denn für Gespräche dieser Art hatte man in dem rauen Betrieb im allgemeinen keinen Sinn. Am Schluss des Gesprächs sagte der Vorgesetzte: „Engelbert, soviel Glück wie du gestern hattest, hat man nicht ein zweites mal und aus diesem Grund wirst du ab sofort nicht mehr in der Wand arbeiten. Du wirst künftig Aufgaben im Grundbereich wahrnehmen."

Diese Mitteilung hörte Großvater mit gemischten Gefühlen, denn die Brecherarbeit in der wand brachte relativ viel Geld ein und der Einsatz im Tiefplateau wurde in der Regel geringer bezahlt. Doch seine Sorgen erwiesen sich als unbegründet, denn er wurde mit der Versetzung zum Vorarbeiter befördert und sein Lohn war noch höher als vorher.

Einige Wochen später, es war an einem nasskalten Tag im Februar 1914, beauftrage Großvater einige Arbeiter mit der Einebnung eines kleinen Erdhügels, der die Anlegung eines Weges behinderte. Nach kurzer Zeit stießen die Hacken und Schaufeln auf einige flache Basaltplatten, die schnell weggeräumt waren. Darunter befand sich ungewöhnlicherweise eine rote Sandschicht. So was hatte noch keiner in der langen Zeit im Steinbruch gesehen. Nach vorsichtiger Entfernung des roten Sandes erschienen zwei menschliche Schädel und einige Skelettreste. Großvater ließ die Arbeiter eine andere Tätigkeit verrichten und er selbst holte eine Munitions-Holzkiste. Dann legte er mit einer Maurerkelle die restlichen Knochenstücke frei und tat alles in die Kiste. Ihm war klar, hier muss etwas besonderes geschehen sein. Das musste man einem Sachkundigen zeigen und als sachkundig auf fast allen Gebieten galten damals die Dorfschullehrer. Nach Feierabend besuchte Großvater den Oberkasseler Volksschullehrer Franz Kissel und erzählte ihm von dem abenteuerlichen Fund. Noch am gleichen Abend gingen beide, ausgerüstet mit einer Stalllaterne, zur Kiste mit den Skeletten und zu der Fundstelle. Herr Kissel war der Meinung, dass es sich hier vielleicht um ein keltisches oder germanische Grab handeln könnte. Jedenfalls sorgte er dafür, dass ein Wissenschaftler des Rheinischen Landesmuseums in Bonn die Grabstätte und die gefundenen Skelettreste untersuchte. Das Ergebnis der Überprüfung war ja bekanntlich eine Sensation, denn Experten stellten fest, dass das Grab aus der jüngeren Altsteinzeit stammte und die Bestattung etwa 12.000 Jahre v. Chr. Erfolgte. In dem Grab lagen die Skelette eines über 50 Jahre alten Mannes, einer ca. 20 jährigen Frau und die Überreste eines vermeintlichen Wolfskiefers. Nach derzeitigem Kenntnisstand gilt der Wolfskiefer als der eines Hundes und somit als eines der ältesten Haustiere der Welt. Als Grabbeigabe wurden ferner verschiedene Tierreste und zwei kleine geschnitzte Gegenstände identifiziert. Das Grab von Oberkassel ist das bisher einzige seiner Art im Rheinland.

Als Großvater später starb, wurde ihm sein Stein auf dem Totenbett in die gefalteten Hände gedrückt und so hat er ihm bei sich für immer.

 

Karl Schumacher

Königswinter, 21.07.2001

* * * * *

zurück
weiter
Startseite